Donnerstag, 28. November 2013

Nameless Part 2

Es schüttet wie aus Kübeln. Ich schaue hektisch um mich, hab keine Ahnung wo ich hin muss, bin hier so fremd. Die Straßen sind menschenleer und es ist so schrecklich kalt. Auf der rechten Seite sehe ich ein großes altes Gebäude, ich vermute, dass es sich um das Rathaus handelt.
Ich wäge kurz meine Möglichkeiten ab wie ich dich in dieser riesen Stadt, in der ich mich nicht auskenne, finden soll. Ohne jemanden zu fragen bin ich wohl aufgeschmissen. Ich gehe ins Rathaus. Die große schwere Holztür lässt sich nur schwer öffnen und da ich schon so erschöpft bin, muss ich mich mit voller Kraft dagegen lehnen um sie auf zu bekommen. Plötzlich öffnet sie sich und ich stolpere ins Warme.
Die Frau am Schalter schaut mich komisch an, sehe wohl ziemlich komisch aus mit meiner vom Regen verschmierten Schminke und meinen nassen Haaren und Klamotten.
Ich entschuldige mich für mein Aussehen und frage dann nach dir. Deine Adresse habe ich ja. Sie ist zwar erst etwas skeptisch, aber nachdem ich ihr erzähle, dass ich die ganze Nacht durchgefahren bin, nur um hier herzukommen und dich zu finden, gibt sie nach und erklärt mir wo ich hin muss.
Ich stolpere wieder in die Kälte, atme tief ein und aus und mache mich auf den Weg.
Aufgeregt klingle ich an deiner Haustür. Niemand macht auf. Ich erinnere mich, dass du mir erzählt hast, dass eure Klingel kaputt ist, und klopfe deshalb.
Eine Frau öffnet mir die Tür, ich tippe auf deine Mutter. Ich frage nach dir, sie interessiert sich nicht einmal dafür wer ich bin sondern meint du seist in den Wald spazieren gegangen.
Meine Alarmglocken läuten. Ich bedanke mich höflich und renne los. Wald, Wald, Wald...schießt es mir durch den Kopf. Ich habe panische Angst, will dir doch helfen.
Das Waldstück ist nicht schwer zu finden, doch es ist groß genug, um sich darin zu verlaufen, wenn man sich nicht auskennt.
Es regnet immer noch in Strömen. Meine Kleider sind mittlerweile durchweicht und ich spüre meine Füße nicht mehr. Da plötzlich höre ich einen lauten Schlag. Ich renne los in die Richtung aus der das Geräusch kam.
Ich finde dich auf dem Boden kauernd gegen einen Baum gelehnt, deine Hand blutet. Ich vermute, dass du den Schlag verursacht hast, wolltest Aggressionen abbauen, wahrscheinlich. Ich knie mich zu dir auf den Boden, er ist eiskalt.
"Nameless?", frage ich.
Du schaust auf. Bist etwas erschrocken, weil du mich noch gar nicht bemerkt hattest, warst wohl so mit dir selbst beschäftigt. Du schaust ungläubig.
"Bist du das Dezembermädchen? Was machst du hier? Warum bist du hier? Du gehörst hier nicht hin."
Du springst auf und fängst an zu rennen. Ich schreie dir hinterher, doch du ignorierst mich, beachtest nicht meine Schreie, beachtest nicht was ich dir alles sage. Ich schreie mir die Seele aus dem Leib, schreie dir alles hinterher was mich bewegt, was ich dir schon immer sagen wollte. Rufe was ich von dir halte, dass ich doch glaube, dass du so ein guter Mensch bist, dass du nicht so bist wie du immer tust, dass du schlau bist, dass du was kannst, dass du ein besseres Leben verdient hast, dass du all das hier doch gar nicht brauchst, dass du da raus musst, dass du aufhören musst mit dem Scheiß, dass du es schaffen kannst, dass aus dir noch was werden wird, wenn du nur willst, wenn du nur endlich Hilfe annimmst, wenn du nicht alles mit dir selbst ausmachst.
Aber du rennst nur, rennst wieder weg vor all den Problemen, vor der Wahrheit, flüchtest dich in deine eigene kleine Lügenwelt, die du dir so mühsam gesponnen hast, aus deinen wirren Gedanken.
Ich schaffe es nicht mit dir mitzuhalten. Ich stolpere und falle in eine Pfütze, rappel mich wieder hoch, renne weiter, muss dich erwischen, muss doch mit dir reden, bitte, bitte, bitte.
Endlich hab ich dich erreicht. Du stehst da, mit dem Rücken zu mir. Ich kenne den Grund für dein Innehalten nicht. Durch das schlechte Wetter ist alles dunkel und grau, der Stimmung angepasst, und ich kann den Abgrund in den du starrst zuerst nicht erkennnen.
Als ich realisiere, was da vor dir ist, lasse ich einen Schrei los. Dir wird bewusst, dass ich hinter dir bin.
"Bleib weg.", schreist du, "Bleib weg oder ich spring."
Ich bewege mich keinen Millimeter, traue mich nicht mal zu atmen. Ich flüstere deinen Namen immer und immer wieder.Du reagierst nicht, sondern drehst mir wieder den Rücken zu und starrst in das große Nichts, das vor dir ist.
Ich fange an zu reden, erzähl dir was ich alles so gern an dir hab, was ich so an dir mag, erzähl dir all das was du gut kannst, worin du immer der Beste sein wirst, wo dich nie jemand toppen wird.
Dein Kopf dreht sich langsam, aber du bleibst weiter am Abgrund stehen. Du sagst, ich solle aufhören zu lügen.
"Ich lüge nicht.", flüstere ich, "Ich sage dir Wahrheit, die reine Wahrheit, ich sage das, was ich denke. Das hast du mir doch gelernt, oder?"
Ich schaue ihn an, mit großen Augen. Ich strenge mich an nicht zu weinen, aber schaffe es nicht.
"Du lügst, du kleine Lügnerin. Du hasst mich doch genauso wie alle anderen, wie ich mich hasse, du siehst doch was ich bin, du siehst doch wie scheiße alles ist. Warum willst du, dass ich mich diesen Qualen noch länger aussetze? Warum lässt du mich nicht einfach gehen? Warum kommst du hier her? Warum? Warum?"
Ich weiß nicht was ich antworten soll, doch das brauche ich auch gar nicht, denn du redest weiter. Habe dich noch nie zuvor so viel reden gehört, du redest und schreist und weinst.
"Erzähl mir was mit dir ist, Nameless. Ich will dich doch nur verstehen, will dir doch nur helfen, will doch nur da sein für dich."
"Niemand kann mir helfen, warum verstehst du das nicht endlich, warum lässt du mich nicht endlich allein?"
Ich weiß nicht warum, aber du drehst dich plötzlich vom Abgrund weg. Du schaust mir in die Augen und ich atme langsam aus. Bin so erleichtert, dass du noch am Leben bist. Zwar stehst du noch da, aber du schaust dem Tod nicht mehr ins Auge, hast dich von ihm weggedreht, schaust dem Leben entgegen und fängst an zu reden. Erzählst mir alles, alles was dich jemals bewegt hat, alles was dich verwundbar macht, jedes Detail und ich sauge es auf, will mir alles merken, darf nichts vergessen, das ist alles so schrecklich wichtig. Jetzt kann ich dir endlich helfen, wo ich weiß was lost ist mit dir, kann dich endlich unterstützen.
"Das wars", sagst du und schaust mich an. "Danke, danke, dass du immer da warst auch wenn ich dich immer weggestoßen habe."
Ich schreie ich schreie und schreie.
Niemand steht da mehr.
Niemand.
Du bist weg.
Für immer.
Ich höre ein aufplatschen, dann lasse ich mich auf den nassen matschigen Boden fallen und weine, weine wie ich noch nie in meinem ganzen Leben geweint habe, denn du bist nicht mehr da, du bist weg. Für immer.
Es wird still um mich herum.
Höre nur noch meine einsamen verzweifelten Schluchzer, die immer leiser werden bist ich dort auf dem Boden einschlafe.
Stille umhüllt mich.
Stille.
In meinem Traum bist du lebendig und ich beschließe nie mehr aufwachen zu wollen.
Hoffe für immer dort liegen bleiben zu können.
Bis mich eine Stimme weckt.
Mich aus meinem Traum mit dir reißt.
Von dir weg.
Von meinen letzen Momenten mit dir.
Mit dir.
Ich werde dich so vermissen,
Nameless.

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